Von Singapur nach Bali - von Insel zu Insel

Sumatra: wenn die Straße nur noch nach oben oder nach unten geht

Die Einreise nach Indonesien im Hafen von Batam verlief reibungslos. Batam ist eine kleine Insel mit einer ganzen Menge an unterschiedlichen Häfen. Diesem Umstand war auch verdanken, dass die kleine Fähre nach Dumai auf Sumatra am nächsten Morgen von einem etwa 20 Kilometer entfernten Terminal ablegte, was mir aber zum Glück bekannt war. Aufgrund des Umrechnungskurses von Euro zu Rupiah von 1:16.600 musste ich ab nun in den folgenden zwei Monaten immer mit recht hohen Beträgen hantieren. Mein Eindruck von Batam war eher wenig freundlich: ausgedehnte Industrie- und Gewerbegebiete. Von allen von mir besuchten Inseln Indonesiens war Batam gesellschaftlich die konservativste: Männer trugen ausnahmslos lange Hosen, Frauen ausnahmslos das Kopftuch. Wie auch an Malaysias Ostküste sind die größten Teile Batams, Sumatras und Javas von einem konservativen Islam sunnitischer Richtung geprägt. Am Sekupang-Terminal wurde dann mein Fahrrad in den Frachtraum der kleinen Fähre geladen. Auf dieser Route war vor einigen Jahren schon einmal eine Fähre der gleichen Reederei abgesoffen, aber das Schiff, auf welchem ich mich nun befand, war einerseits bereits ein moderneres Modell und andererseits war das Meer an diesem Tag eher ruhig. Auf Sumatra angekommen, begrüßte mich dann auf den Straßen Dumais fast jeder Mensch. Eine Aufmerksamkeit fast wie in Indien. Es war schnell klar, dass sich hierhin nur wenige Ausländer verirren. Die Aufmerksamkeit ging so weit, dass sich einmal ein Dutzend Leute um mich versammelten, um zu schauen, wie ich meine Portion Nasi Goreng esse. Der Verkehr war wieder viel lauter und dreckiger als in Malaysia und Thailand und die Luft wieder schlechter - ganz klar, da ist ein “Indo” in “Indonesien”… Die ersten Tage auf Sumatra radelte ich durch die berüchtigten Ölpalmenplantagen und kleinere Siedlungen, in denen ich immer recht euphorisch begrüßt wurde. Nördlich von Duri führte die Strecke an einem großen Ölfeld vorbei, auf welchem unzählige Erdölpumpen stehen. Erdöl und Palmenöl, hier werden beide nur einen Steinwurf voneinander entfernt gefördert. Die Unterkünfte in diesem Teil Indonsiens waren oftmals von eher zweifelhafter Qualität. Die “Duschen” bestehen in der Regel aus einem Wasserhahn und einem kleinen Eimerchen, Waschbecken sind generell unbekannt und manchmal schlief ich bei eingeschaltetem Licht, um nicht noch mehr Viecher hervorzulocken, als sowieso schon da waren.

Die Gastfreundschaft der Menschen auf Sumatra war aber grandios. Unzählige Fotos wurden jeden Tag mit mir gemacht und die Leute hielten stets ein Lächeln für mich bereit. Hier traf ich auch erstmals auf Mitglieder der “Federalisten”. Dabei handelt es sich um einen Club von Fahrradbegeisterten in ganz Indonesien. Der Name geht auf den indonesischen Fahrradhersteller “Federal Cycle” zurück, der aber schon in den 1990er-Jahren den Betrieb einstellen musste. Die erhaltenen, wunderschönen Stahlrahmen aus dieser Zeit werden nun von den Federalisten gehegt und gepflegt. Die Federalisten sind ausgezeichnet untereinander vernetzt, und wer einmal in dieses Netz “geraten” ist, findet schnell in sehr vielen Orten Sumatras und Javas hilfsbereite Gleichgesinnte. Nach einigen Tagen Radfahren wichen die Ölpalmenplantagen den Wäldern des Barisangebirges. Mit den Bergen kamen die Höhenmeter, welche im feucht-heißen Tropenklima oft richtig schwer wurden. Bald erscheinen am Straßenrand die ersten Häuser und Moscheen mit Dächern, die wie ein umgedrehter Bootsrumpf geformt sind. Sie sind typisch für die Volksgruppe der Minangkabau, durch deren Land ich in diesem Moment reiste. Im Barisangebirge radelte ich dann endlich über den Äquator - einer der Hauptgründe, weshalb ich überhaupt nach Sumatra gekommen war. Die Südhalbkugel begrüßte mich mit einem weiteren recht steilen Anstieg. Im Schatten machte ich mehrmals Pause. Einmal raschelte es plötzlich im Gebüsch auf der anderen Straßenseite. Kleinere Affen hatte ich schon häufig gesehen, aber plötzlich hangelte sich dort ein ziemlich großer, pechschwarzer Affe von Ast zu Ast. Er beobachtete mich aufmerksam. Glücklicherweise blieb er auf „seiner“ Seite, denn vor diesem Kaliber hätte ich schon großen Respekt gehabt. Später recherchierte ich, dass es sich um einen Siamang, die größte Gibbonart, handelte. In Padang Aro traf ich den Federalisten Syaf, der mir auf seiner Plantage zeigte, wie Kautschuk hier angebaut wird. Die Gewinnung von Naturkautschuk spielt auf Sumatra durchaus noch eine wichtige Rolle. Hier im Westen Sumatras reihte sich ein harter, langer Anstieg an den anderen. Auf meiner gesamten Radstrecke auf Sumatra kamen durchschnittlich stets über 1.000 zu bewältigende Höhenmeter auf 100 km Straße - in Verbindung mit dem tropischen Klima und dem 60 kg schweren Fahrrad nie einfach. Nach einer Mittagspause irgendwo vor Sungai Penuh kam ich in eine kleine Stadt, die offensichtlich liberaler zusammengesetzt ist. Einige Männer trugen kurze Hosen, einige Frauen kein Kopftuch und von einem Minarett aus wurde laute Musik gespielt. In Batam würden sie wahrscheinlich in Ohnmacht fallen… Ich radelte durch einige Teeplantagen am Fuße des Mount Kerinci, dem höchsten Vulkan auf Sumatra. Die Berge Sumatras waren während meines Aufenthalts aber stets in dichte Wolken gehüllt, weshalb es hier im Blog auch kein einziges Foto eines Sumatra-Vulkans gibt. Ein radfahrerisches Highlight war dann die Abfahrt aus den bewaldeten Bergen bei Sungai Penuh zur Westküste: Genau das richtige Gefälle, nicht zu steil und nicht zu flach. Auf den Geraden beschleunigen, vor den Kurven scharf bremsen, in die Kurve gehen, aus der Kurve heraus wieder beschleunigen – und das alles vor der Regenwaldkulisse! Diese Strecke gehört zu den besten, die ich bislang mit dem Reiserad befahren habe. Anschließend war ich etwa zwei Wochen lang entlang der Westküste Sumatras unterwegs. Das Höhenprofil war dort überraschenderweise noch reicher an Höhenmetern als in den Bergen! Da die unzähligen Hügel aber nie höher als etwa 200 Meter waren, wurde ich auf den “Gipfeln” nicht einmal mit kühleren Temperaturen für die Anstrengung belohnt. Am Straßenrand standen ab und zu recht einfache Öfen, in welchen Ziegel aus lokal gewonnenem Material gebrannt werden. Eine sehr ressourcenschonende Art der Baumaterialherstellung. Eines Morgens wurde ich dann von zwei aufeinanderfolgenden Erdbeben sanft aus dem Schlaf gerüttelt - eine Erinnerung daran, dass Sumatra eine der seismisch aktivsten Regionen der Erde ist. Die Landschaft an der Westküste war dann vor allem wieder von endlosen Ölpalmenplantagen geprägt. An einer Stelle sah ich eine frisch gerodete Fläche für die Anlage neuer Palmenreihen: kein Baum mehr bis zum Horizont, nur noch braune Erde, und kein einziges Tier mehr, nicht einmal Affen. Ein schwer zu ertragender Anblick. In manchen Vorgärten sah ich Affen, die mit Ketten angebunden waren und mich traurig anschauten. Wie kann man ein derart intelligentes Tier so halten? Die Empathie der Halter dürfte unter der einer Stubenfliege liegen. Spätestens als ich in einem Dorf an einem Hahnenkampf vorbeifuhr, der von Erwachsenen und Kindern beobachtet wurde, war mir bewusst, dass an keinem anderen von mir bislang bereisten Ort das Tierwohl im speziellen und das Umweltbewusstsein im allgemeinen so niedrig ausgeprägt ist wie hier.

In Bengkulu erreichte ich dann das Fort Marlborough. Jenes Bauwerk aus dem frühen 18. Jahrhundert war eine der größten Befestigungsanlagen der legendären British East India Company. Den sehr massiven Mauern konnten sämtliche Erdbeben der vergangenen 300 Jahre nichts anhaben. Einen versöhnlichen Abschluss mit Sumatra erlebte ich dann im Nationalpark Bukit Barisan Selatan. Dort konnte ich die verschiedenen Entwicklungsstadien der Riesenrafflesie, der größten Blüte der Welt, im Regenwald finden. Die Rafflesie lebt als Parasit auf, bzw. eher in Lianen. Wie bei einem Pilz den Fruchtkörper bekommt man bei der Rafflesie nur die Blüte zu Gesicht, aber diese dafür dann gleich umso gewaltiger. In Gesprächen mit den Rangern erfahre ich dann unter anderem, dass selbst die seit langer Zeit hier arbeitenden Leute noch nie einen Tapir in freier Wildbahn gesehen haben – sie können die Anwesenheit der Tiere nur aufgrund von Spuren und Kot verfolgen. Wie schon in Malaysia ist es daher nahezu ausgeschlossen, hier einen Tapir zu entdecken, während man durch den Regenwald radelt. In Bandar Lampung wurde ich dann sehr freundlich von den dortigen Federalisten um Gadar begrüßt und aufgenommen. Ein spannender, aber auch anstrengender Monat auf Sumatra endete für mich.

Java: in Begleitung über die Abenteuerinsel

Java - die angenehmste Sache an dieser Insel war für mich, dass ich dort, nach fünf Monaten und 8.000 Kilometern allein, wieder mit Begleitung unterwegs war. Kurz nach meiner Ankunft im äußersten Westen Javas traf ich die Gatot und die Federalisten von Cilegon. Und jene “übergaben” mich am nächsten Tag an die Federalisten von Serang und jene wiederum noch am gleichen Tag an die Federalisten von Tangerang, einem Vorort Jakartas. Die Federalisten in Tangerang werden von Rai geleitet. Er ist für viele internationale Radreisende die erste Kontaktperson unter den Federalisten und ausgezeichnet in ganz Indonesien vernetzt. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei den beiden deutschen Radreisenden Rebecca und Elias bedanken (https://findpenguins.com/5xxwvefxgs1au/trip/warm-nights-cold-showers), die den Kontakt zur Rai für mich vermittelt hatten. Noch am selben Abend brachen ein paar Federalisten und ich mit einem Pick-up zum Hafen von Jakarta auf, um dort Jade und ihr Reiserad “Raja” im Empfang zu nehmen. Jade (Instagram: @cestjade.dl) kommt aus der Nähe von Brügge in Belgien und hat einen spannenden Reiseverlauf hinter sich: gestartet als “klassische” Backpackerin in Südostasien, entschied sie sich irgendwann während der Reise dazu, auf das Fahrrad umzusteigen. In Bangkok fand sie ein gebrauchtes Reiserad, welches sie seitdem begleitete. Sie ist ohne jede große Vorplanung auf diese Radreise gestartet, einfach so - kein Problem, denn die letzten eineinhalb Jahre haben mir vor Augen geführt, dass jegliche Pläne sowieso irgendwann den Bach runter gehen. Und das ist dann auch eine Botschaft für alle, die mit dem Gedanken spielen, selbst auf eine “kleine Runde” zu starten: eine gründliche, detaillierte und bedachte Planung vor der Reise ist so ziemlich das letzte, was man dafür benötigt… Jade kam nun am Hafen Jakartas mit einer Fähre von Batam an und ab nun war es unser Ziel, Bali in den nächsten Wochen zu erreichen. Da mein Visum für Indonesien aber nicht jünger wurde (und ich bereist einen Monat auf Sumatra verbracht hatte) und die Umgebung von Jakarta, nunja, nicht die allerschönste Umgebung zum Radfahren ist, entschieden wir uns, zunächst nach Yogyakarta an der Südküste Javas zu trampen. Da unser Vorhaben zunächst von wenig Erfolg gekrönt war, nahmen wir erste einen Bus bis Bandung, wo uns am nächsten Tag Federalist Aep und ein zufällig anwesender Polizist dann halfen, tätsichlich einen Lastwagen zu finden, der uns nach Yogyakarta (in Indonesien meistens nur kurz “Yogya” genannt) mitnahm. Unsere Fahrräder und Taschen wurden von den beiden Fahrern auf den mit Plastikkanistern beladenen Lastwagen gehievt. Wir sollten zunächst in der Fahrerkabine Platz nehmen, aber Jade war dankenswerterweise hartnäckig und charmant genug, um die beiden davon zu überzeugen, dass wir oben auf den Kanistern auf der Ladefläche mitfahren können („You always got a no, a yes you can get.“, wie ihre Mutter zu sagen pflegt). Ein unvergesslicher Zwölf-Stunden-Trip, hoch oben über der Straße, begann. Durch die Mittagssonne fuhren wir durch die umliegende Landschaft aus Palmengärten, Bananenstauden, Reisfeldern und kleinen Dörfern. Auf den Straßen herrschte ein geschäftiges Treiben, und wir thronen über all dem. Auf unseren Gesichtern war ein breites Grinsen, um unsere Köpfe den Fahrtwind und über uns die Baumkronen und der Himmel. Die Fhart ging bis tief in die Nacht. In den Ortschaften herrschte noch geschäftiges Treiben auf und neben der Straße. Ich lag auf den Kanistern und schaute nach oben. Schwarze Baumkronen rasten über den dunkelgrauen Nachthimmel, eine nach der anderen. Jade sang dazu. Ein magischer Moment. Kurz nach Mitternacht erreichten wir das Zentrum von Yogya, wo wir abgeladen werden.

In den zwei Tagen in Yogya lernten wir, wie Batikkunstwerke entstehen und bereiteten die Räder für die kommenden Etappen vor. Von Yogya aus radelten wir dann zunächst zum Strand von Parangtritis. Ein wunderschön wilder Strand, aber nicht ganz ungefährlich: Baden ist aufgrund der Strömungen verboten und auf dem Sand lagen etliche angespülte, giftige Portugisische Galeeren herum. Vor der Weiterfahrt am nächsten Morgen reinigte ich gerade die Felgen an Jades Rad vom dunklen Strandsand, damit jene nicht beim Bremsen zerstört werden (übrigens einer der Hauptgründe, weshalb ich mit Scheibenbremsen unterwegs bin). Während ich das machte, kam von links plötzlich eine kleine, orangefarbene Katze zu mir, augenscheinlich nur etwa zwei Monate alt. „Smush“, wie wir sie später nannten, war sofort sehr anhänglich. Niemand war weit und breit im Wald zu sehen, auch kein Haus oder Anwesen. Und keine Mutterkatze. Wir beschlossen, Smush zu einem Tierarzt zu bringen. Und wir hatten Glück: auf Google Maps fanden wir eine Tierarztpraxis nur etwa neun Kilometer von uns entfernt. Die freundliche Tierärztin war zu Hause, versorgte Smush und erklärte sich bereit, Smush vorerst als elfte Katze bei sich aufzunehmen und nach einem Zuhause für sie im Ort zu suchen. Beim Weiterfahren mussten wir einen extrem steilen Anstieg in der Mittagshitze bewältigen - nicht das allerbeste Timing. Am späten Nachmittag erreichten wir das Dorf Widoro, wo wir im Haus des Bürgermeisters übernachten durften. Vielen Dank für die Gastfreundschaft! Am nächsten Tag beobachtete Jade am Straßenrand einen Mann, der mit einem langen Stab, an dessen Ende eine Art Trichter angebracht ist, in einer Baumkrone herumstocherte. Er erklärte uns, dass er Ameisen als Köder zum Angeln sammelt. Als er mit dem Stochern begann, bliesen aber plötzlich sämtliche Ameisen in der Baumkrone zum Abwehrangriff und stürzten sich aus dem Laub hinunter – so auch auf uns. Plötzlich begann es überall zu pieksen! Wir sahen zu, zügig aus dem Kriegsgebiet zu gelangen, wurden aber noch eine ganze Weile lang immer wieder von versteckten Nachzüglern attackiert. An diesem Abend fragten wir wieder in einem Vorgarten, ob wir dort zelten können, und landeten schließlich wieder im Haus des Bürgermeisters (bzw. seines direkten Nachbarn, Manchu). Manchu ist Doktor der islamischen Rechtswissenschaft, Imam und Masseur. Eine eigenartige Kombination. Im Haus massierte er dann Jades linkes Bein und meinen Nacken. Er war brutal. Er machte keine Gefangenen. Er hörte nicht vorzeitig auf. Es war fast wie eine Teufelsaustreibung. Aber danach fühlte es sich gut an. Die nächste Nacht schliefen wir auf einem Aussichtsturm direkt am schönen Strand von Pacitan. Dort besuchten wir auch kurz die örtliche katholische Gemeinde und ein Volleyballturnier. In der Mittagspause lernte Jade ziemlich schnell das Schachspielen. In Trenggalek in Ostjava kamen wir ein letztes Mal bei den Federlisten unter, wo wir wieder sehr freundlich aufgenommen wurden. Unsere nächste Station war die Stadt Blitar. Auf Vermittlung durch Yayan aus der katholischen Gemeinde in Pacitan durften wir dann in der Kirche von Blitar übernachten. Jungpfarrerin Mia zeigte uns am Abend noch das Stadtzentrum. Am nächsten Morgen hatte Jade, welche in Belgien zuletzt als vegetarische Köchin gearbeitet hatte, dann ihre erste Kochstunde in einem indonesischen Restaurant, dessen Besitzerin Mitglied der Kirchengemeinde ist. Nach ihrer Arbeit konnten wir frittiertes Tempeh (fermentierte Sojabohnen) und Tofu genießen. Die nächste Nacht zelteten wir in einem Vorgarten und am darauffolgenden Tag kamen wir beim Warmshowers-Host Chandra und seienr freundlichen Familie unter. Am nächsten Morgen brachen wir mit Chandra zu einem nahen Aussichtsberg auf, von welchem wir einen guten Blick auf den Vulkan Semeru hatten. Bei guter Sicht sieht man von hier aus auch den Indischen Ozean und kann damit das gesamte Areal des Back-Arc-Vulkanismus überblicken. Die australische Platte draußen unter dem Meer schiebt sich unter Java und gleitet in Richtung Erdmantel. Die Platte schmilzt und ein Teil des nun flüssiges Gesteins steigt mit Wasser und Gasen auf, wo es die Vulkanketten der indonesischen Inseln formt. Vom Gipfel des Semeru stieg in diesem Moment eine Gaswolke auf. Von Chandras Zuhause aus erkundeten wir die beiden wunderschönen und eindrucksvollen Wasserfälle Kapas Biru und Tumpak Sewu. Hier war es auch das erste Mal nach eineinhalb Monaten in Indonesien, dass ich wieder auf andere Touristen traf - eine absolute Seltenheit in Sumatra und Westjava. Abends wurden wir zu einem großen islamischen Gemeinschaftsgebet in der Nachbarschaft eingeladen. Die Frauen bereiteten das Essen zu, während sich die rauchenden Männer in zwei Wohnzimmern sammelten. Das Gebet dauerte ungefähr eine halbe Stunde und umfasste Gesang und Sprechchöre. Anschließend gab es noch das Essen, dann war das ganze auch schon wieder vorbei.

Nun hatten wir eigentlich geplant, mit unsere Fahrrädern den bekannten Vulkan Bromo zu erklimmen und dort oben durch die Aschefelder zu fahren bzw. zu schieben. Leider wurde die Gipfelregion einen Tag zuvor für die Öffentlichkeit gesperrt, da dort nun ein Buschfeuer wütete, welches offenbar während eines Hochzeitsfotoshootings mit Fackeln ausgelöst wurde. Absolut verantwortungslos. Stattdessen steuerten wir nun wieder die Meeresküste an. Dort trafen wir zur Belohnung auf einen wunderbaren, leeren Strand. Oberhalb des Strandes sortierten einige Arbeiterinnen und Arbeiter Kies von Hand (!) nach Korngröße, damit die Steine in der Betonherstellung verwendet werden können. Wir teilten unsere Salak-Früchte und Bananen mit ihnen und wurden zum Dank eingeladen, in ihrem Camp zu übernachten. Tagsüber aßen wir während unserer Zeit in Ostjava übrigens meisten “Nasi Pecel”: Reis mit einer Erdnusssauce, dazu meistens Tempeh oder Tofu. In den nächsten Tagen näherten wir uns dann Stück für Stück dem Vulkankegel des Mount Ijen - quasi unser “Ersatzvulkan” für den entfallenden Bromo. Die Nacht auf 1.800 Metern Höhe war draußen ziemlich kalt. Noch vor Sonnenaufgang machten wir uns auf zur Gipfelbesteigung. Unterwegs wurden wir mit Blicken über die unter uns liegende Wolkendecke belohnt, als die Sonne über dem türkisfarbenen Kratersee aufging. Über eine sehr steile Abfahrt radelten wir dann die letzten Kilometer auf Java zum Fährhafen von Ketapang, wo wir auf die Fähre nach Bali rollten.

Bali: die harte Landung

Es ist sicherlich schwierig, nach der Zeit auf Java noch eine Steigerung zu finden. Und Bali half dabei dann ganz sicherlich sowieso nicht. Ja, die Insel hat als einzige indonesische Insel diese spezielle Prägung durch den Hinduismus und ist eines der bekanntesten Reiseziele in Südostasien. Und genau dort liegt das große Problem. Während wir auf Java (und vorher auch auf Sumatra) noch von so ziemlich jedem Passanten freudig begrüßt wurden, sind wir hier nur noch anonyme Touristen unter vielen. Da wir für die Tage auf Bali unterschiedliche Pläne hatten, radelten wir ab Gilimanuk in getrennte Richtungen, um uns dann noch einmal für ein paar Tage in Balis Hauptstadt Denpasar wiederzutreffen. Ich radelte nun erst entlang der Nordküste und dann an der Ostküste bis in den Großraum Denpasar. Ja, es gab landschaftlich schöne Abschnitte, aber ansonsten ist die Insel sehr dicht besiedelt. Und das Preisniveau kann je nach Ort sehr “an die Umstände angepasst” sein. Manchmal wurde für eine normale Portion Nasi Goreng der sechsfache Preis im Vergleich zu Java und Sumatra aufgerufen. Dieser Absatz ist daher auch nur recht kurz gehalten. Erwähnenswert ist eine kleine, aber feine Landstraße am äußersten Ostzipfel Balis. Dort schaut man hinaus auf die Meerenge zwischen Bali und Lombok. Während Bali vor einigen tausend Jahren noch mit Java, Sumatra und schließlich dem eurasischen Festland verbunden war, war Lombok bereits isoliert, weshalb die Planzenwelt auf Bali noch asiatisch, auf Lombok aber bereits australisch-ozeanisch beeinflusst ist. Dieses Phänomen wird aus “Wallace-Linie” bezeichnet. Nach eineinhalb Jahren Reise war ich also nun hier am letzten Außenposten Eurasiens angekommen. In Denpasar verkaufte Jade dann ihr Reiserad Raja, da es nicht mehr in ihre weiteren Pläne passte. Sie wird noch einen Monat in Indonesien verbringen und dann nach Australien aufbrechen, um dort einige Zeit lang zu arbeiten. Anschließend möchte sie mit einem neuen Reiserad von Indien oder der Mongolei aus nach Belgien zurückradeln - ich werde das sehr gespannt verfolgen. Da mein Indonesien-Visum endgültig auslief, hieß es für mich, das Reiserad wieder zu verpacken und den Flug nach Neuseeland anzutreten: das am weitesten von Deutschland entfernte Land. Ich musste mich von Jade verabschieden, was mir sehr schwer fiel. Sie ist ein herzensguter Mensch und hat mich mehrfach dazu motiviert, meine Komfortzone zu verlassen. Bis sich unsere Wege wieder kreuzen, wünsche ich ihr alles Gute und spannende Erlebnisse!

Über das Radfahren auf diesem Abschnitt

Sumatra: Angekommen an der mittleren Ostküste in Dumai radelte ich zunächst auf Nebenstrecken über Duri nach Bangkinang. Die Straßen waren meistens in einem recht guten Zustand, aber auch oft dicht befahren. Die Luftqualität war oft sehr schlecht, weshalb ich froh war, ab Bangkinang das Barisangebirge erreicht zu haben. Auf der Straße nach Payakumbuh überquerte ich dann endlich den Äquator. Die Straße war meistens sehr gut befahrbar und auch nicht zu verkehrsreich. Die weitere Strecke von Payakumbuh über Solok, Galagah und Padang Aro nach Sungai Penuh beeinhaltete einige steile und lange Anstiege, welche ich keinesfalls in der Mittagshitze angehen würde. Die kleine Straße durch den Regenwald vn Sungai Penuh nach Tapan gehörte dann so ziemlich zu den schönsten Strecken, die ich je mit einem Fahrrad gefahren bin - landschaftlich wunderschön und eine perfekte Abfahrt! An der Westküste Sumatras hielt ich mich auf der Hauptstraße von Tapan über Bengkulu und Krui nach Bandar Lampung. Diese Strecke ist ein harter Kanten. Die Küste sieht man eigentlich kaum, stattdessen geht es tagelang durch Ölpalmenplantagen. Und obwohl keiner der Hügel über 200 m hoch ist, kommen dennoch in der Regel über 1.000 Höhenmeter auf 100 km zusammen. Die (kurzen) Anstiege sind teilweise sehr steil. Von Bandar Lampung radelte ich dann über Kalianda zum Fährhafen von Bakau. Auch hier kamen etliche Höhenmeter zusammen. Die Versorgungslage auf Sumatra war in Ordnung. Meistens war ein Warung (kleines Straßenrestaurant) oder ein kleines Geschäft nicht weit. Generell war das Radfahren auf Sumatra aufgrund des Klimas, der unzähligen Anstiege und der schlechten Luft aber herausfordernd.

Java und Bali: Von Cilegon im Westen Javas bis Jakarta (bzw. Tangerang) radelte ich immer zusammen mit ein paar örtlichen “Federalisten”. Sie wählten dabei stets die Hauptstraße und nie kleinere Nebenstrecken. Das Radfahren in Jakarta ist hart. Die Verkehrsdichte ist quasi zu jeder Tageszeit brutal eng und es staut an allen Ecken und Enden. Es ist mir vollkommen unklar, wie man diese Situation jeden Tag aushalten soll. Die Strecke von Jakarta nach Yogyakarta (“Yogya”) überbrückten wir dann mit einem Bus bis Bandung und Trampen von Bandung nach Yogya. Von Yogya aus radelten wir dann, meistens mehr oder weniger in der Nähe der Südküste, über Pacitan, Slahung, Trenggalek, Blitar, Gunungsriti, Kencong und Jember bis zum östlichsten Ende Javas in Ketapang. Die Straßen Ostjavas sind immer etwas verkehrsreich, aber oft auch sehr schön gelegen und in aller Regel gut bis sehr gut befahrbar. Der “Obelix Hill” (heißt wirklich so) östlich von Parangtritis ist kurz, aber durchgehend äußerst steil. Den Anstieg zum Mount Ijen von Jember im Westen über Sukosari teilten wir über zwei Tage auf. Die Abfahrt in Richtung Banyuwangi ist extrem steil und im oberen Abschnitt durchaus gefährlich. Dieser Abschnitt geht durch den Regenwald, weshalb die Fahrbahn in unserem Fall dann auch nass war. An schwer beladenen Reiserädern sollte hier mit Bremsen und Reifen wirklich alles stimmen, sonst kann es böse enden. Wir mussten zum Kühlen der Bremsscheiben bzw. Felgen auch zwei kurze Pausen einlegen. Die Straße entlang der Nordküste und Ostküste ist gut befahrbar, aber meistens sehr ereignislos. Ein kleines Highlight war die Küstenstraße zwischen Amed und Amlapura, welche allerdings auch einige steile Anstiege umfasst. Das Radfahren in Denpasar war in Ordnung und nicht zu hektisch, die westlichen Vororte wie Canggu können aber sehr eng und hektisch sein.

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Neuseeland und Fidschi - schockgefroren und wieder aufgetaut

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Von Bangkok nach Singapur - nach dem Stress kam das Paradies